Bordeaux

Bordeaux ist nicht nur das größte Weinbaugebiet der Welt, noch vielmehr ist es auch das faszinierendste. Wer pauschal behauptet Bordeaux’ seien generell zu teuer, irrt gewaltig. Man darf sich nicht nur an den berühmten Châteaux orientieren, die sich ihren klangvollen Namen entsprechend bezahlen lassen. Immer und in jedem Jahrgang gibt es außergewöhnlich gute und auch preiswerte Weine, die es lohnt einzulagern. Und auch an der qualitativen Spitze findet man jederzeit Weine, die es auch preislich wert sind Beachtung zu finden. Nirgends in der Welt ist die Qualitätsdichte höher, das oenologische Wissen tiefer und die Investitionsbereitschaft für qualitativen Feinschliff höher. Das liegt nicht nur an der atemberaubenden Finanzkraft mancher Erzeuger. Das tiefe Verständnis für Terroir, Klima und Bedürfnisse der Reben wurde über Generationen weiter gegeben. Traditionen werden gepflegt und Innovationen steht man offen gegenüber. Lediglich der ökologische Anbau macht hier nur langsam »Boden gut«. Die Angst vor Ernteeinbußen sitzt tief. Den Anteilseignern die finanziellen Verluste daraus zu erklären scheint bereits im Vorfeld unüberwindbar. Die Konversion auf ökologischen Anbau könnte für manchen Erzeuger tatsächlich teuer werden. Einige wenige machen es vor. Man wird sehen wer Folge leisten wird.

Qualitätsentwicklung | Die Bordeaux’ der heutigen Zeit sind von einer bestechenden Qualität. Paul Pontallier, Régisseur auf Château Margaux, rückt die Kräfteverhältnisse ins rechte Licht, wenn er sagt, dass sich heute der Zweitwein Pavillon Rouge qualitativ auf dem Niveau eines Grand Vin Château Margaux aus den 80er Jahren befindet. Die Limits für Spitzenweine wurden heute neu definiert und werden wesentlich häufiger erreicht als in den vergangenen Dekaden. Die meisten Premier Crus selektieren derart drakonisch, dass kaum mehr als 40 % der Produktion in den ersten Wein gelangen. Aus dem restlichen Lesegut werden Zweit-, Dritt- und Viertweine erzeugt. Aber nicht nur die limitierte Anzahl der berühmten, klassifizierten Güter produziert heuer auf Top-Level. Waren es in den 80er Jahren noch etwa 50 bis 80 Spitzenerzeuger, so sind es heute mindestens 200 bis 250 Châteaux die auf Weltklasse-Niveau arbeiten. Diese Qualitätssteigerung konnte durch Ertragsreduzierung und moderne Vinifikation erreicht werden. In jüngerer Zeit wird die parzelläre Selektion weiter vorangetrieben. Bereits im Weinberg werden einzelne Parzellen mit individuellen Spezifikationen identifiziert und jeweils adaptiert bearbeitet. Getrennt zum optimalen Zeitpunkt gelesen, werden sie in Gärbehältern vinifiziert die im Volumen an die Parzellengröße angepasst wurden. Auch bei den Appellationen hat sich einiges verschoben. Aus technischer Sicht hatten früher die berühmten Gewächse aus dem Médoc und Graves eine klare Vormachtstellung, neben einigen renommierten Pomerols und St.-Emilions. So ist heute eindeutig Pomerol die führende Appellation in Bordeaux. Hier sind die Rebflächen vergleichsweise klein, die parzelläre Adaption und kleinteilige Verarbeitung während des Ausbaus führte bereits vor zehn Jahren zu einer beachtlichen Qualitätsdichte. Überextraktion würde das fragile Geschmacksbild eines Pomerols nachteilig beeinflussen, daher gibt es solche Effekte wesentlich weniger als bei den robusteren St.-Emilions. Die großen Güter des Médoc und Graves müssen diese Kleinteiligkeit erst noch vorantreiben. Einer der Pioniere am linken Ufer ist Haut-Bailly in Péssac-Léognan. Hier wurde bereits eine Präzision und Trennschärfe erreicht, die es erlaubt auch in schwierigen Jahren überdurchschnittliche Weine zu erzeugen.

Vinifikation | Bei der Vinifikation finden unterschiedlichste Methoden Anwendung. Lediglich die ganz klassischen, von oenologischen Modeerscheinungen unbeeindruckten Gewächse wie Calon-Ségur, Léoville-Barton oder Tertre-Rôteboeuf schwinden immer mehr. Bei Verkostungen stechen solche Weine mit ihrer Natürlichkeit und Lockerheit immer heraus. Über die Jahrgangsschwankungen scheinen sie mehr erhaben als andere Erzeuger. Denn irgendwie schaffen sie es, in jedem Jahr ihre Individualität und Charaktere heraus zu arbeiten. Dem gegenüber stehen im anderen Extrem die modernen Winzer, die durch späte Ernte leicht überreifes Lesegut einbringen und dann mit meist hohen Alkoholwerten intensive, schwarze Weine erzeugen. Solche Blockbuster beeindrucken natürlich bei der Verkostung mit Opulenz und berstender Fülle. Andererseits scheinen sie weniger individuelle Ausstrahlung und Langlebigkeit zu besitzen. Je nach Terroir das dahinter steht, können solche Weine ziemlich austauschbar sein.

Ausbau | Der Ausbau wird bei vielen Betrieben am rechten Ufer immer kleinteiliger, fast könnte man sagen »burgundischer«. Denn vielfach werden die Barriques heute einzeln durchgekostet und von Fass zu Fass entschieden, wie der weitere Ausbau vonstatten geht. Die größeren Erzeuger am rechten Ufer gehen da wesentlich pragmatischer vor. Teilweise besteht eine Ernte aus 1.000 Fässern und mehr. Einzeln durchzukosten wäre eine zu komplizierte Aufgabe. Daher geht man hier turnusmäßig vor und zieht in der Regel alle drei Monate die Fässer um. Für unerschrockene, gut organisierte Betriebe gäbe es hier noch Potenzial zur Verbesserung?

Stilistik | Die Stilistik der Bordeaux-Weine hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Sie sind deutlich kräftiger, dunkler und dichter geworden. Viele führen den Klimawandel an, wenn es um die heute deutlich gestiegenen Alkoholwerte geht. Tatsächlich ist jedoch die strikte qualitative Selektion des Lesegutes und teilweise auch der späte Erntezeitpunkte hauptverantwortlich für mehr Zucker und daraus resultierend auch mehr Alkohol. Nicht zuletzt sind es die Konsumenten, die einen dunkleren Rotwein bevorzugen, gerne mit mehr Kraft und Opulenz. Diese Präferenzen sind nicht ohne mehr Alkohol zu haben. Man muss hingegen auch konstatieren, dass sich die durchschnittliche Qualität eben auch dramatisch verbessert hat. Schlechte Jahrgänge gibt es heute kaum noch. Heute sind es dann auch eher die »schwachen« Jahrgänge, oder sagen wir besser, die »nicht gehypten«, in denen es noch klassische Bordeaux-Gewächse gibt wie 2004, 2006, 2008 oder 2011. Hier stehen meist noch Terroir und Charakter vor Extraktion und Fülle. Bei den als groß bezeichneten 2009 und 2010 bleiben der individuelle Ausdruck und die Lagenmerkmale mehr im Hintergrund. Dafür brillieren Kraft, Struktur und Intensität.

Bordeaux aktuell | Die Kluft zwischen kleinen Bordeaux-Supérieur-Erzeugern und den berühmten Châteaux des Bordelais ist genauso groß wie der Unterschied zwischen Arm und Reich in den modernen Industrie-Gesellschaften. Mit dem Hype um die Jahrgänge 2005, 2009 und 2010 haben die klassifizierten Gewächse unglaubliche Preise erzielen können, vielfach wurden ihnen die Weine aus den Händen gerissen. Daher verfügen die großen Châteaux nun über enorme finanzielle Möglichkeiten. Viele neue, prestigeträchtige Kellergebäude wurden oder stehen in der Errichtung. Modernste Architektur, großzügige Räumlichkeiten, die teilweise mehr an Hotelhallen von aufwändigen Luxus-Resorts erinnern, denn an Kellereigebäude. Hier wird einem zahlungskräftigen Publikum in deren »visueller Sprache« ein Qualitätsanspruch mit Prestige vermittelt. Die Nachfragesituation hat sich mit den Jahrgängen 2011, 2012 und vor allem 2013 abgekühlt. Das Interesse an Bordeaux-Weinen bewegt sich seit langer Zeit in Wellenbewegungen. Immer wieder angefacht von großen Jahrgängen zu hohen Preisen, die auf reges Interesse stießen. Nach der Hausse sinken die Tarife nur langsam, die Nachfrage bricht ein bis sich die Kurse am Wellenboden wieder finden. Dann braucht es erneut einen »Jahrhundertjahrgang«, um das Spiel wieder zu entfachen. Würden die Châteaux ihre Weine zu vernünftigen, relativ gleich bleibenden Preisen anbieten, gäbe es eine stete Nachfrage mit weniger Schwankungen. Ein Wunschtraum …



Bordeaux ist nicht nur das größte Weinbaugebiet der Welt , noch vielmehr ist es auch das faszinierendste. Wer pauschal behauptet Bordeaux’ seien generell zu teuer, irrt gewaltig. Man darf sich... mehr erfahren »
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Bordeaux ist nicht nur das größte Weinbaugebiet der Welt, noch vielmehr ist es auch das faszinierendste. Wer pauschal behauptet Bordeaux’ seien generell zu teuer, irrt gewaltig. Man darf sich nicht nur an den berühmten Châteaux orientieren, die sich ihren klangvollen Namen entsprechend bezahlen lassen. Immer und in jedem Jahrgang gibt es außergewöhnlich gute und auch preiswerte Weine, die es lohnt einzulagern. Und auch an der qualitativen Spitze findet man jederzeit Weine, die es auch preislich wert sind Beachtung zu finden. Nirgends in der Welt ist die Qualitätsdichte höher, das oenologische Wissen tiefer und die Investitionsbereitschaft für qualitativen Feinschliff höher. Das liegt nicht nur an der atemberaubenden Finanzkraft mancher Erzeuger. Das tiefe Verständnis für Terroir, Klima und Bedürfnisse der Reben wurde über Generationen weiter gegeben. Traditionen werden gepflegt und Innovationen steht man offen gegenüber. Lediglich der ökologische Anbau macht hier nur langsam »Boden gut«. Die Angst vor Ernteeinbußen sitzt tief. Den Anteilseignern die finanziellen Verluste daraus zu erklären scheint bereits im Vorfeld unüberwindbar. Die Konversion auf ökologischen Anbau könnte für manchen Erzeuger tatsächlich teuer werden. Einige wenige machen es vor. Man wird sehen wer Folge leisten wird.

Qualitätsentwicklung | Die Bordeaux’ der heutigen Zeit sind von einer bestechenden Qualität. Paul Pontallier, Régisseur auf Château Margaux, rückt die Kräfteverhältnisse ins rechte Licht, wenn er sagt, dass sich heute der Zweitwein Pavillon Rouge qualitativ auf dem Niveau eines Grand Vin Château Margaux aus den 80er Jahren befindet. Die Limits für Spitzenweine wurden heute neu definiert und werden wesentlich häufiger erreicht als in den vergangenen Dekaden. Die meisten Premier Crus selektieren derart drakonisch, dass kaum mehr als 40 % der Produktion in den ersten Wein gelangen. Aus dem restlichen Lesegut werden Zweit-, Dritt- und Viertweine erzeugt. Aber nicht nur die limitierte Anzahl der berühmten, klassifizierten Güter produziert heuer auf Top-Level. Waren es in den 80er Jahren noch etwa 50 bis 80 Spitzenerzeuger, so sind es heute mindestens 200 bis 250 Châteaux die auf Weltklasse-Niveau arbeiten. Diese Qualitätssteigerung konnte durch Ertragsreduzierung und moderne Vinifikation erreicht werden. In jüngerer Zeit wird die parzelläre Selektion weiter vorangetrieben. Bereits im Weinberg werden einzelne Parzellen mit individuellen Spezifikationen identifiziert und jeweils adaptiert bearbeitet. Getrennt zum optimalen Zeitpunkt gelesen, werden sie in Gärbehältern vinifiziert die im Volumen an die Parzellengröße angepasst wurden. Auch bei den Appellationen hat sich einiges verschoben. Aus technischer Sicht hatten früher die berühmten Gewächse aus dem Médoc und Graves eine klare Vormachtstellung, neben einigen renommierten Pomerols und St.-Emilions. So ist heute eindeutig Pomerol die führende Appellation in Bordeaux. Hier sind die Rebflächen vergleichsweise klein, die parzelläre Adaption und kleinteilige Verarbeitung während des Ausbaus führte bereits vor zehn Jahren zu einer beachtlichen Qualitätsdichte. Überextraktion würde das fragile Geschmacksbild eines Pomerols nachteilig beeinflussen, daher gibt es solche Effekte wesentlich weniger als bei den robusteren St.-Emilions. Die großen Güter des Médoc und Graves müssen diese Kleinteiligkeit erst noch vorantreiben. Einer der Pioniere am linken Ufer ist Haut-Bailly in Péssac-Léognan. Hier wurde bereits eine Präzision und Trennschärfe erreicht, die es erlaubt auch in schwierigen Jahren überdurchschnittliche Weine zu erzeugen.

Vinifikation | Bei der Vinifikation finden unterschiedlichste Methoden Anwendung. Lediglich die ganz klassischen, von oenologischen Modeerscheinungen unbeeindruckten Gewächse wie Calon-Ségur, Léoville-Barton oder Tertre-Rôteboeuf schwinden immer mehr. Bei Verkostungen stechen solche Weine mit ihrer Natürlichkeit und Lockerheit immer heraus. Über die Jahrgangsschwankungen scheinen sie mehr erhaben als andere Erzeuger. Denn irgendwie schaffen sie es, in jedem Jahr ihre Individualität und Charaktere heraus zu arbeiten. Dem gegenüber stehen im anderen Extrem die modernen Winzer, die durch späte Ernte leicht überreifes Lesegut einbringen und dann mit meist hohen Alkoholwerten intensive, schwarze Weine erzeugen. Solche Blockbuster beeindrucken natürlich bei der Verkostung mit Opulenz und berstender Fülle. Andererseits scheinen sie weniger individuelle Ausstrahlung und Langlebigkeit zu besitzen. Je nach Terroir das dahinter steht, können solche Weine ziemlich austauschbar sein.

Ausbau | Der Ausbau wird bei vielen Betrieben am rechten Ufer immer kleinteiliger, fast könnte man sagen »burgundischer«. Denn vielfach werden die Barriques heute einzeln durchgekostet und von Fass zu Fass entschieden, wie der weitere Ausbau vonstatten geht. Die größeren Erzeuger am rechten Ufer gehen da wesentlich pragmatischer vor. Teilweise besteht eine Ernte aus 1.000 Fässern und mehr. Einzeln durchzukosten wäre eine zu komplizierte Aufgabe. Daher geht man hier turnusmäßig vor und zieht in der Regel alle drei Monate die Fässer um. Für unerschrockene, gut organisierte Betriebe gäbe es hier noch Potenzial zur Verbesserung?

Stilistik | Die Stilistik der Bordeaux-Weine hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Sie sind deutlich kräftiger, dunkler und dichter geworden. Viele führen den Klimawandel an, wenn es um die heute deutlich gestiegenen Alkoholwerte geht. Tatsächlich ist jedoch die strikte qualitative Selektion des Lesegutes und teilweise auch der späte Erntezeitpunkte hauptverantwortlich für mehr Zucker und daraus resultierend auch mehr Alkohol. Nicht zuletzt sind es die Konsumenten, die einen dunkleren Rotwein bevorzugen, gerne mit mehr Kraft und Opulenz. Diese Präferenzen sind nicht ohne mehr Alkohol zu haben. Man muss hingegen auch konstatieren, dass sich die durchschnittliche Qualität eben auch dramatisch verbessert hat. Schlechte Jahrgänge gibt es heute kaum noch. Heute sind es dann auch eher die »schwachen« Jahrgänge, oder sagen wir besser, die »nicht gehypten«, in denen es noch klassische Bordeaux-Gewächse gibt wie 2004, 2006, 2008 oder 2011. Hier stehen meist noch Terroir und Charakter vor Extraktion und Fülle. Bei den als groß bezeichneten 2009 und 2010 bleiben der individuelle Ausdruck und die Lagenmerkmale mehr im Hintergrund. Dafür brillieren Kraft, Struktur und Intensität.

Bordeaux aktuell | Die Kluft zwischen kleinen Bordeaux-Supérieur-Erzeugern und den berühmten Châteaux des Bordelais ist genauso groß wie der Unterschied zwischen Arm und Reich in den modernen Industrie-Gesellschaften. Mit dem Hype um die Jahrgänge 2005, 2009 und 2010 haben die klassifizierten Gewächse unglaubliche Preise erzielen können, vielfach wurden ihnen die Weine aus den Händen gerissen. Daher verfügen die großen Châteaux nun über enorme finanzielle Möglichkeiten. Viele neue, prestigeträchtige Kellergebäude wurden oder stehen in der Errichtung. Modernste Architektur, großzügige Räumlichkeiten, die teilweise mehr an Hotelhallen von aufwändigen Luxus-Resorts erinnern, denn an Kellereigebäude. Hier wird einem zahlungskräftigen Publikum in deren »visueller Sprache« ein Qualitätsanspruch mit Prestige vermittelt. Die Nachfragesituation hat sich mit den Jahrgängen 2011, 2012 und vor allem 2013 abgekühlt. Das Interesse an Bordeaux-Weinen bewegt sich seit langer Zeit in Wellenbewegungen. Immer wieder angefacht von großen Jahrgängen zu hohen Preisen, die auf reges Interesse stießen. Nach der Hausse sinken die Tarife nur langsam, die Nachfrage bricht ein bis sich die Kurse am Wellenboden wieder finden. Dann braucht es erneut einen »Jahrhundertjahrgang«, um das Spiel wieder zu entfachen. Würden die Châteaux ihre Weine zu vernünftigen, relativ gleich bleibenden Preisen anbieten, gäbe es eine stete Nachfrage mit weniger Schwankungen. Ein Wunschtraum …

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