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Dunkle Farben, hohe Konzentration, Frische und Gerbstoffreichtum, sowie moderate Alkoholwerte sind Attribute der 2025er Bordeaux’, die viele Verkoster vom neuen, großen Jahrgang schwärmen lassen. Niedrige Erträge mit kleinen Beeren und drei Hitzewellen im Sommer mit leichtem Regen zum genau richtigen Zeitpunkt erzählen die Bilderbuch-Stories der Châteaux. Die Euphorie für Bordeaux 2025 ist geweckt. Dennoch sollte man dem Jahrgang mit etwas Vorsicht begegnen!
Die Erwartungen vor den 2025er Primeurs-Verkostungen waren groß, denn die Beteuerungen aus Bordeaux, es handele sich um einen großen Jahrgang, rissen auch in der Primeurs-Woche nicht ab. Viele Verkoster trugen dieses Mantra offenbar unhinterfragt weiter. Nach 9 Tagen und 920 verkosteten Weinen in meinem 33sten Jahrgang en Primeur kann ich Entwarnung geben: 2025 ist KEIN großer Jahrgang! Es gibt allerdings eine ordentliche Anzahl an ausgezeichneten Rotweinen und einige begeisternde Must haves sind auch dabei. Die besten Gewächse haben generell eine dunkle Farbe, viel Gerbstoff und frische Säuren. Tendenziell ist 2025 nicht der vielschichtigste Jahrgang, dennoch ist die Terroir-Abbildung meist sehr deutlich. Viele Weine verfügen über eine limitierte Intensität in Geruch und Geschmack. Wer wuchtige Blockbuster liebt, wird in 2025 kaum fündig werden. Die Auswahl der Weine, die wir bei extraprima für die Subskription als interessant erachten, wird mit maximal 40-60 Gewächsen eher begrenzt sein. Dabei spielt natürlich insbesondere der Preis eine entscheidende Rolle. Die Weißweine sind in der Mehrzahl sehr gut, auch wenn die Komplexität und Säurespannung häufig eher gehobene Mittel- statt Maximalwerte erreichte. Für Sauternes war leider zu wenig Gelegenheit, um sich ein umfassendes Bild zu machen. Bitte schenken Sie marktschreienden Händler-Kollegen, die einen großen Bordeaux-Jahrgang 2025 proklamieren nur begrenzt Glauben und lesen Sie ausführlich meine Notizen!
Der Jahrgangs-Charakter und die Probleme
2025 hatte aus dem vorigen Wachstumszyklus einen eher kleineren Fruchtansatz. Im trocken-warmen Sommer 2025 mit drei Hitzephasen und hoher Sonneneinstrahlung musste Sonnenbrand auf der Traubenschale vermieden werden. Viele Erzeuger verbreiterten zur Schattenbildung das Blattwerk über der Traubenzone. Bei wasserdurchlässigen Böden kam es nun auch zu Trockenstress, der bei den Reben vielfach zur Blockage führte. Dann stellt die Pflanze alle Reifeprozesse ein und versucht schlicht die Dürre zu überstehen. In diesem Fall reifen häufig die Gerbstoffe bis zur Ernte nicht ganz aus (physiologische Reife) während die Zuckerwerte (technische Reife) Ende August schnell nach oben schossen und die Säure sich verminderte. Der Lesezeitpunkt war dann absolut entscheidend für die Qualität der Weine. Die roten Trauben konnten nach den leichten Regenfällen Ende August meist in trockenem, sauberem Zustand schon ab Anfang September geerntet werden. Die Beeren, insbesondere bei den Cabernets, waren sehr klein, daher war die Saftausbeute meist gering. Das Verhältnis von hohem Schalenanteil gegenüber dem Saftanteil führte zu einer intensiven Farbausbeute und reichhaltigem Gerbstoffgehalt. Meist wurde die Extraktion sanfter durchgeführt und die Gärtemperatur gesenkt, um eine Überextraktion zu vermeiden. Viele Weine zeigten ein hohles Mittelstück und daraus resultierende mangelnde Länge im Mund. Die Gerbstoffe präsentierten sich vielfach rau und nicht ganz ausgereift. Die aromatische Intensität und Struktur der meisten Weine erreichten oft nur hohe Mittelwerte, vermutlich aus der zurückhaltenden Extraktion. Der Wachstumszyklus war in 2025 durch die notwendige frühe Lese etwas kürzer ausgefallen, wodurch die völlige Ausbildung der Aromen nicht flächendeckend erreicht wurde. Daher sind die meisten 2025er roten Bordeaux’ nicht sehr komplex. Das ist meist auch bei den gelungenen Gewächsen der Fall, die ein lineares Geschmacksprofil aufweisen. In der Regel sind die einfacheren Bordeaux im unteren Qualitätsbereich dennoch vielfach gelungen. Das Mittelfeld ist extrem heterogen, hier muss man besonders vorsichtig sein. Nach oben in den Spitzenqualitäten gelangen eher auf den Spitzen-Lagen einige ausgezeichnete Qualitäten und eines wurde hier besonders deutlich: Die Terroirs mit wasserspeichernden Böden wie Lehm oder Kalkstein im Untergrund konnten der Trockenheit des Sommers besser widerstehen als wasserdurchlässige Böden wie Kies oder Sand. Bei letzteren war die hohle Mitte und mangelnde Länge häufig festzustellen. Somit waren es auch in 2025 vor allem wieder die berühmten Top-Terroirs, die eine ausgezeichnete Qualität erzeugen konnten. Für kaum ein Château zählt 2025 zu den allerbesten Jahrgängen ihrer Historie.
Die Verkostungen
2025 ist ein anspruchsvoller Jahrgang, der offenkundig viele Verkoster überfordert hat. Die richtige Beurteilung der Gerbstoffe war einer der wichtigsten Punkte. Denn der Gerbstoffgehalt war hoch, aber waren sie auch reif, fein gewoben und weit verteilt. Oder bleiben sie spröde und schroff nicht ganz abgerundet zurück? Spannt das Gerbstoffgerüst einen großen Rahmen auf oder bleibt die Expansion im Mund eher zaghaft? Sehr aufschlussreich war in 2025 die Farbe und Viskosität. In der Farbe konnte man schnell erschließen, ob der Wein über Frische und Brillanz verfügt oder ob er im Reifeprozess bereits etwas fortgeschrittener war, um Fülle und Schmelz in der Verkostung zu fördern. Letzteres hat dann unweigerliche Auswirkungen auf den weiteren Ausbau, wenn die Frische jetzt bereits nicht mehr voll vorhanden ist. Die Viskosität zeigt visuell die innere Dichte des Weines an und gibt im Zusammenhang mit der aromatischen Ausprägung Aufschluss über das Maß der Extraktion. Am meisten hat mich gewundert, dass die vielfach mangelnde aromatische Intensität von den Verkostern kaum hinterfragt wurde. Während in wirklich großen Jahren der Geruch schon in 10cm Abstand zum Kelch üppig wahrzunehmen ist, musste man bei vielen 2025ern erst 2-3 Sekunden tief ins Glas schnuppern, um eine geruchliche Wahrnehmung feststellen zu können. Das häufig beobachtete hohle Mittelstück und ein nicht sehr langer Nachhall waren eindeutige Indizien für schwächelnde Qualitäten, die sich auch mit dem weiteren Ausbau kaum noch korrigieren lassen. Die Bordelaiser Akteure wurden dennoch nicht müde zu behaupten 2025 sei ein großer Jahrgang. Wenn man widersprach, erntete man häufig überraschte Blicke, denn viele Verkoster scheinen das gebetsmühlenartig vorgetragene Mantra schlicht übernommen zu haben. So geschah es auch bei einer Begegnung mit dem Verkäufer eines großen Négociants, den ich schon lange freundschaftlich kenne. Er strahlte mich an mit der Frage, wie ich den tollen Jahrgang fände. Als ich erwiderte es sei kein großer Jahrgang und zählte die Gründe auf, kam er ins Stutzen. Ich erklärte worauf er bei der Verkostung der Weine achten müsse und welche Indizien die Mängel bei vielen Weinen aufdecken würden. Er wurde nachdenklich, wir trennten uns, um den engen Terminkalender einzuhalten. Drei Tage später trafen wir uns zufällig wieder. Er sagte, meine Erläuterungen gingen ihm nicht aus dem Kopf und er konzentrierte sich bei den darauffolgenden Verkostungen auf meine Hinweise. Dann habe er vielfach die Indizien erkennen können und er bestätigte meinen Eindruck, es liegt kein großer Jahrgang vor. 2025 ist ein sehr guter Jahrgang mit einigen großen Weinen. Aber es ist kein großer Jahrgang. Und für nur wenige namhafte Châteaux ist es überhaupt ein Spitzenjahrgang! Ein sehr guter Jahrgang eben. Nun muss man vielleicht darüber sprechen, was ein großer Jahrgang überhaupt ist. Nach meiner Definition liegt ein großer Jahrgang vor, wenn eine Vielzahl, möglichst die Mehrheit der Weingüter außergewöhnliche Qualitäten erzeugt hat und es auch viele Spitzenbewertungen gibt. Beim vorliegenden 2025er habe ich keine 100 Punkte vergeben können und nur zwei Weine mit 98-99+ bewertet, zwei weitere mit 97-99+ und 14 Crus konnten 97-99 Punkte erreichen. Ein sehr guter Jahrgang also. Vergleicht man das mit den Vorgängern 2022 oder 2023, letzterer insbesondere bei den Arrivage-Proben nach der Abfüllung, dann ist 2025 als eindeutig geringer einzuschätzen.
Der Jahrgangs-Mythos von 2025
Bleibt die Frage, wie es zum Eindruck der Erzeuger von Bordeaux kam, dass 2025 ein großer Jahrgang sei. Nach 9 Tagen und 920 verkosteten Weinen aus allen Qualitätsbereichen war mein Eindruck, dass 2025 besonders für die einfacheren Terroirs wie Bordeaux und Bordeaux Supérieur ein ungewöhnlich guter Jahrgang war. Alle diese Weine hatten dunkle Farben und viel Kraft. Auch die einfacheren Weißweine erscheinen besonders konzentriert und fruchtbetont. Von unten betrachtet ist 2025 also wirklich ein großer Jahrgang. Talentierte Winzer hatten die Möglichkeit außergewöhnliche Qualitäten zu erzeugen, doch das gelang auch nicht jedem. Von oben betrachtet gab es wie erwähnt nicht ganz so viele überragende und nur wenige ganz große Weine. Im Mittelfeld gibt es viel Licht und Schatten, mit teilweise sehr guten Qualitäten. Das erinnerte eindeutig an den damals ebenso überschwänglich gelobten Jahrgang 2000. Die kleinen Weine waren überragend, das Mittelfeld sehr gut und oben raus schwächelten die Spitzenqualitäten. Der Jahrgang 2001 war damals insbesondere am rechten Ufer deutlich besser ausgefallen als die 2000er. Das wollte nach dem Hype um das 2000er Millennium zu seinerzeit allerdings kaum jemand hören. Eine andere Ursache für das Mantra der Größe von 2025 war der Witterungsverlauf mit drei Hitzewellen in einem eher trockenen Sommer, garniert mit leichten Regenfällen genau zum rechten Zeitpunkt, um massiven Trockenstress für die Reben zu verhindern. Der kleinere Fruchtansatz aus dem vorigen Jahrgang 2024 und die trockene Witterung sorgte für eher wenige und sehr kleine Beeren, vor allem bei den Cabernets. Diese Trauben erschienen dann sehr konzentriert, Fäulnis gab es kaum, die Lese fand bei gutem Wetter statt. Die Moste füllten sich schnell mit einer dunklen, intensiven Farbe auf und die Aromatik erschien sehr dunkelfruchtig. Aus diesen Komponenten entstand für die Erzeuger frühzeitig der Eindruck, dass es sich bei 2025 um einen großen Jahrgang handelt. Aus diesen Aspekten scheint der Mythos in Bordeaux geboren worden zu sein und hat sich im Laufe des Ausbaus verfestigt.
In Gesprächen mit mir gut bekannten Erzeugern bestätigten diese meist, dass sie auch im Umfeld einige nicht wirklich gelungene Weine probiert hatten und die Qualität des Jahrgangs 2025 sehr unterschiedlich sei und es sich daher um einen eher guten bis sehr guten Jahrgang handelt, inklusive einiger Enttäuschungen. Es gibt eben nicht ein einheitliches Bild für die erzeugten Qualitäten, weder in Bezug auf Hierarchie noch Appellation.
Terroir, Lesezeitpunkt und Extraktion
Während der heißen Trockenphasen im Sommer hatten die Reben auf wasserdurchlässigen Böden häufig Trockenstress. Dem konnten ältere Reben besser widerstehen als junge. Der dann durch Blockage verursachte Reiferückstand in der Entwicklung der Traubenschalen führte dazu, dass die physiologische Reife nicht mehr mit der technischen Reife parallel verlaufen konnte. Optimal wäre ein gleichzeitiger Reifehöhepunkt von physiologischer und technischer Reife mit voll ausgebildeten Aromen in den Beeren. Wird die physiologische Reife nicht optimal erreicht, bleiben die Gerbstoffe meist rau, spröde und schroff zurück und erzeugen keinen abgerundeten Eindruck. Auf wasserspeichernden Böden mit Lehm und Kalkstein gab es in 2025 weniger Probleme, denn die Reben wurden auch während der Trockenphasen mit Wasser versorgt. Daher gab es hier keine massive Blockage und die physiologische und technische Reife konnte gleichzeitig erreicht werden. Allerdings war der Wachstumszyklus generell durch die recht frühe Ernte etwas kürzer, was dazu führt, dass die aromatische Entwicklung der Beeren nicht vollends erreicht werden konnte. Erkennbar ist das am allgemeinen Mangel an Komplexität und Tiefe in den Weinen. Der Lesezeitpunkt war also alles entscheidend. Hier musste präzise und möglichst kleinteilig von Parzelle zu Parzelle entschieden werden. Die meisten Erzeuger haben berichtet, dass durch die kleinen Beeren ein hoher Schalenanteil im Most vorhanden war und man deshalb die Extraktion sanfter praktizierte. Man hatte Angst durch Überextraktion zu viel Gerbstoff in den Wein zu bringen. Auch die Gärtemperatur wurde häufig auf 26-28°C statt sonst 28-30°C gesenkt. Des Öfteren waren Aromen von braunen Bananenschalen in Geruch und im Geschmack wahrnehmbar. Dieser Aspekt deutet entweder auf Sonnenbrand oder rosinierte Beeren hin und wird sich mit dem Ausbau vermutlich eher verstärken. Hier ist besondere Vorsicht geboten! Eine interessante Beobachtung war, dass die Erzeuger, die sonst gerne in Richtung Überextraktion tendieren, wie bspw. Pavie oder Ducru-Beaucaillou, in diesem Jahrgang genau das richtige Maß an Extraktion angewendet haben. Das könnte durchaus den Rückschluss zulassen, dass viele Erzeuger doch eher zu zaghaft extrahiert haben!? Ebenso interessant ist, dass die Weinmacher, die sich große Vinifikations-Erfahrung in Kalifornien angeeignet haben, wie Pierre Seillan von Lassègue in St.-Emilion und andere, sehr präzise das Extraktions-Maximum ausgeschöpft haben und auch einen Wein mit großem Rahmen und aromatischer Ausdruckskraft geschaffen haben. So ist Lassègue 2025 ein absoluter Geheimtipp des Jahrgangs! Auch das deutet darauf hin, dass durch Unterextraktion nicht das volle Potenzial ausgeschöpft wurde. Sehr interessant ist es zudem zu beobachten, dass mehr und mehr mit ganzen Trauben vinifiziert wird, also ein Teil des Leseguts mit den Stengeln vergoren wird. Les Carmes Haut-Brion war hier der bekannteste Vorreiter und hat mit heuer 65% ganzen Trauben auch einen großartigen 2025er erzeugen können! Hie und da hat man jetzt von kleineren Chargen mit 10-20% ganzen Trauben gehört. Mit dem Jahrgang 2025 ist zu beobachten, dass viele Châteaux den Anteil an neuen Barriques teilweise deutlich reduziert haben. Einerseits aus stilistischen Gründen, wie es heißt, sicher aber auch teilweise aus wirtschaftlicher Hinsicht. Gerade bei Weinen, die durch sanftere Extraktion und geringere aromatische Ausdruckskraft durch die frühe Lese etwas leichter erscheinen, wird dieser schlankere Eindruck mit weniger neuem Holz durchaus gefördert. Denn neue Barriques steuern gerade im Mittelstück und Mundgefühl etwas Cremigkeit und süßliche Fülle bei. Manchem Wein hätte daher das normale Maß an neuem Holz durchaus gutgetan. Gemunkelt wurde, dass die Insolvenz der Firma H&A, die in großem Stil Barriques an Bordeaux-Château verleast hatte, einen starken Einfluss auf manche Erzeuger und deren Liquidität ausüben könnte. Möglicherweise wird sich dadurch der Trend zu weniger neuem Holz noch verstärken!?